neues spiel

06/03 - 105 Music

Deutsche Sprache und Soul? Schon lange keine Gegensätze mehr! Der Ansatz von Stefan Gwildis jedoch ist neu! Der 1958 geborene Hamburger hat sich dem mutigen Unterfangen gestellt, seine Lieblingssoulklassiker aus den 50er- und 60er-Jahren auf Deutsch zu übersetzen. Bill Withers, Otis Redding, Sly & The Family Stone oder The Temptations bekommen neue Geschichten!

Dazu genügt es natürlich nicht, die Lyrics eins zu eins umzutexten. Gwildis beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Soulkultur, weiß, wie seine Helden sprechen, denken, fühlen und versieht die wunderschönen Originale mit perfekten Texten, die entweder lautmalerisch oder sinngemäß den Originalen nahe kommen, ohne den Kontext zu Gwildis und seinem eigenen Leben zu verleugnen. Dazu versahen die Producer die Songs mit perlenden, dezenten Arrangements und sensiblen Instrumentierungen.

Wo aber war Gwildis bisher? Wieso gab es diese sexy Stimme und diesen hübschen Charakterkopf nicht schon früher zu sehen und zu hören? Ganz einfach deshalb, weil Gwildis in einer Sparte beschäftigt war, in der man nicht so schnell zum Medienstar wird: dem Musical und der Comedy. Er wirkte mit bei Wuttke II und Vanessa V, spielte bei den Truppen und Projekten Aprillfrisch, Mägädäm, Strombolis und Auto Auto. Vielleicht ist er für diesen Klamauk zu sehr in die Jahre gekommen, vielleicht liegt es aber auch an der neuen Zusammenarbeit mit den früheren EMI-Bossen Canibol und Rybnikar. Jedenfalls sattelte Gwildis komplett um, und nach zwei Solo-CDs mit eigenen Songs macht er sich nun also an Soulklassiker.

Aus dem wundervollen Bill-Withers-Song „Ain’t No Sunshine“ wurde „Allem Anschein nach bist Du’s“ — eigentlich undenkbar, ein Sakrileg, aber irgendwie hört es sich verdammt fein an! „Me And Mrs. Jones“ erklingt als „Sie lässt mich nicht mehr los“, „You Can Leave Your Hat On“ mutiert zu „Lass mal ruhig den Hut auf“, „Chain Of Fools“ heißt „Schön, schön, schön“ und aus dem All-Time-Klassiker „The Dock Of The Bay“ wird doch glatt „Mitten vorm Dock Nr. 10“. Kann man sich nicht vorstellen, oder? Konnten wir uns auch nicht, aber es klingt! Gwildis‘ tiefer Respekt den Originalen gegenüber, seine leicht angekratzte Wanderseele und sein charmantes, angeschmuddelt-lebendiges Gesicht samt Stimme machen ihn und seine Cover-Versionen zu einem angenehmen Balanceakt zwischen Broadway-Herzensbrecher-Crooner und markantem Straßenmusikanten. –Kati Hofacker

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